Zahnärztlicher Einsatz im neuen Flüchtlingslager Moria/ Karatepe 2 auf Lesbos

Einsatz auf Lebos

Reise- und Arbeitsbericht von Dr. Gretel Evers-Lang über ihren im März 2021 stattgefundenen zahnärztlichen Arbeitseinsatz im neuen Flüchtlingslager Moria/ Karatepe 2.

Ich habe zwei Wochen für die  C.M.A. – crisis management association – (eine kleine NGO, bestehend aus einer Truppe von engagierten Briten, die seit mehreren Jahren schon auf der Insel sind), auf der Insel Lesbos verbracht und Dutzenden von geflüchteten Asylsuchenden dort Zahnbehandlung angeboten.

Januar 2021, Corona- Zeit. Wir alle haben unsere eigenen vier Wände lange genug angeschaut. Als Zahnärztin bin ich in der privilegierten Situation, arbeiten zu dürfen, jeden Tag Menschen zu sehen. Ich behandle bis zu 35 Patienten am Tag, schütze mich mit FFP2 Maske, habe keine Angst.

Dann eine E-Mail: Doktor Jens Joachim Paarsch, mit dem ich vor fast genau zwei Jahren einen zahnärztlichen Hilfseinsatz mit „Zahnärzte ohne Grenzen“ auf den Kapverden geleistet hatte, fragt, ob ich „Lust auf einen Hilfseinsatz im neuen Geflüchteten-Lager auf Lesbos“ habe. Was für eine Frage, schon im vergangenen Jahr, 2020, dem Corona-Jahr, hatte ich bei „Zahnärzte ohne Grenzen“ angefragt, was möglich sei – Nichts.

Auch für die großen NGOs (Non Government Organisation) ist Moria ein schwer erreichbares Ziel. Nun diese Möglichkeit, unfassbar. Eine kleine NGO, bestehend aus einer Truppe von engagierten Briten, die seit mehreren Jahren schon auf der Insel sind, hat auch im neuen Geflüchtetenlager, bei Kara Tepe, wo die circa 8000 umgesiedelten  Geflüchteten nun in Zelten Leben, eine Dentalstation errichten können und suchte nun nach Zahnärzten. Quarantäne: drei Tage, kein Problem, denke ich, die Akkreditierung ist schnell erreicht, zudem:

Man erfährt, dass Griechenland einen grünen Impfpass für Europäer voranbringen möchte, um Reisefreiheit für Geimpfte zu gewährleisten. Dann der Glücksfall:  Zahnärzte in Bayern werden in die erste Prioritätskategorie verlegt, was den Zugang zum Impfstoff möglich macht. Ein Traum, ich werde geimpft, bekomme die erste, drei Wochen später die zweite Impfung. Kein Problem denke ich, als es heißt, dass die Quarantäne in Griechenland auf sieben Tage für Ankömmlinge verlängert wird. Es folgen Anfragen meinerseits an die griechische Botschaft in Frankfurt am Main, die deutsche Botschaft in Athen, das Generalkonsulat in Thessaloniki, ein Anruf bei der europäischen Union in Brüssel, Kontaktaufnahme mit UNHCR und in Athen und Herrn Dr. Gerd Müller (Bundesminister für Entwicklung), jedoch meine Anfragen bleiben entweder unbeantwortet, oder ich erfahre, man wolle sich nicht in ausländische Angelegenheiten einmischen. Von irgendeinem Amt in Griechenland erhalte ich einen Zweizeiler ohne Anrede, der da lautet: Sie müssen sich in siebentägige Quarantäne begeben. Die im Footer angegebene  Telefonnummer ist nicht erreichbar.

Es ist Sonntag, der 7. März, mein letzter Kampfeswille  weicht Resignation Die Sonne scheint, alles sieht im Sonnenlicht weiß und bunt aus, ich bin in auf Lesbos angekommen …und in Quarantäne.

Die Stadt, Mytilene, riecht um die Mittagszeit nach gedünsteten Zwiebeln und gerösteten Fleisch. Der Mini Market um die Ecke meiner bescheidenen aber diesmal kakerlakenfreien Unterkunft (auf den Kapverden teilte ich mir das Domizil mit der pazifischen Riesenkakerlake) verfügt über ein umfassendes Warenangebot, insbesondere schmackhafte große Tomaten, sowie echten griechischen Schafskäse. Und ja, ich habe im Rahmen meines Einkaufs die Quarantäne-Regel überschritten. Vermutlich könnten meine Eltern meine rebellische Art bestätigen. Gestern und vorgestern war ich noch zornig, nicht verstehend, warum ich als voll geimpfter  Volontär nicht die Erlaubnis bekomme, zu arbeiten, heute… ich finde mich ab. Es gibt wenige Gründe, auch für Griechen, die nicht in Quarantäne sind, seine Behausung  verlassen zu dürfen: Lebensmittel einkaufen, Bankautomat aufsuchen, Menschen die Hilfe brauchen, unterstützen ( Alte und Kranke) Hund ausführen, Sport betreiben.

Also verkleide ich mich, wie so viele andere, in einen Jogging Anzug und laufe durch die engen und steilen Gassen von Mytilene. Wunderbar, Freiheit. Ich begegne niemandem, außer mir selbst. Die Gedanken kreisen. Warum eigentlich bin ich hier? Oh ja, trotz Allem, trotz mir auf erlegten Restriktionen, es gibt so viele Menschen auf der Welt, die unzureichend  Zugang zu medizinischer Versorgung haben, und wie leicht ist es für mich, diese Zuwendung zu verschenken. Ja, es ist etwas Organisation vonnöten, schließlich muss ich eine voll ausgelastet die Praxis verlassen, und mich vertreten lassen. Zum Glück kann mein Ehemann, auch Zahnarzt, meine Patienten übernehmen und mich so in meinem Vorhaben unterstützen. Zudem-  ja-  es kostet auch Geld, Reise Unterkunft Verpflegung, mein Vergnügen. Warum tue ich das? Weil es Spaß macht. Strandurlaub, nichts für mich. Und auch sowieso nicht möglich.
Und dann:

Diese Menschen brauchen hier nicht nur medizinische Zuwendung, sie brauchen Perspektiven. Ihnen fehlt mehr, als nur zahnmedizinische Betreuung. Ich habe keine Angst, diesem zu begegnen, im Gegenteil, ich möchte alles sehen, erfahren, das Abstrakte aus den Zeitungsberichten fühlbar werden lassen.

Endlich ist die Quarantäne beendet, wir treffen uns im NGO-Haus zur Vorbesprechung, ich lerne Kini kennen, 26, Britin, die im letzten Herbst mit einigen anderen die NGO gegründet hat- C.M.A., crisis management association, eine Gruppe von etwa 50 jungen Menschen, die sich auf die Fahnen geschrieben haben, die Geflüchteten nicht nur medizinisch sondern auch juristisch zu unterstützen, ihnen beim Weiterkommen zu helfen, sie durch den administrativen Dschungel zu begleiten und ärztliche sowie psychologische Ansprechpartner zu aquirieren.

Meinen Kollegen, Jens Joachim Paarsch, kenne ich von unserem gemeinsamen Einsatz für „Zahnärzte ohne Grenzen“ auf den Kapverden, wir haben uns seitdem nicht gesehen, werden aber eine sehr gute und ergänzende Zusammenarbeit in den kommenden Tagen haben.

Die „Zahnklinik“ ist in einem Container untergebracht, der aus zwei kleinen Räumen besteht, fließendes Wasser gibt es nicht, aber ein umfangreiches Sortiment an, leider sehr unsortiertem, Material und Instrumentarium sowie, ein echter Lichtblick, ein deutsches Sterilisationsgerät. Dazu zwei Klappstühle und Behandlungsmotoren, die zusammen mit dem benötigten Kompressor in einer Art Koffer untergebracht sind und bei Benutzung einen ohrenbetäubenden Lärm machen. (Nicht umsonst bringt man in Zahnarztpraxen den Kompressor immer im Keller unter.) Ich sortiere das von mir mitgebrachte Material und sichte, was vorhanden ist.

Zahnbehandlung auf LesbosMeine Patienten kommen überwiegend aus Afghanistan, einige aus dem Iran und Somalia. Sie sind höflich, artikulieren sehr genau ihren Bedarf und sind meiner Behandlung gegenüber aufgeschlossen, auch, wenn ihre Erwartungshaltung zuweilen nicht dem Machbaren entspricht.

Was anders ist, als bei meinem Einsatz auf den Kapverden: ich versuche um jeden Preis jeden Zahn zu erhalten, denn irgendwann, so glaube ich, wird es jeder meiner Patienten geschafft haben, eine Zukunft an einem anderen Ort zu haben, wo ein zunächst provisorisch versorgter, aber erhaltungswürdiger Zahn stabil weiterbehandelt werden kann.

Meine Bilanz an gezogenen Zähnen für die Zeit meines Aufenthaltes ist sehr übersichtlich, überwiegend habe ich Wurzelbehandlungen vorgenommen, auch bei Milchzähnen, was meiner Zusatzqualifikation als Kinderzahnärztin geschuldet  ist.

Der Zustand der Zähne ist sehr divers, die meisten, die zu mir kommen, haben, um es vereinfacht auszudrücken, sehr viele Löcher und sehr viel Angst. Die Tickets werden im Halb-Stunden-Rhythmus vergeben, wir sind angehalten, immer nur einen Zahn zu behandeln. Ich halte mich an die halbe Stunde aber nicht an die ein-Zahn-Vorgabe!

Mein jüngster Patient war 4 Jahre alt, meine älteste Patientin 54, die meisten zwischen 17 und 25.

Jeder hier hat seine Geschichte, keiner ist „nur Geflüchteter“, jeder ist Sohn, Schwester, Mutter, Vater, Bruder, und die Jüngeren oft einfach nur einsam. Die Sprache der Verständigung ist Englisch. Allein in Afghanistan gibt es zwei Hauptsprachen. Alle eint die Zuversicht, dass es ein „danach wird alles gut“ gibt. („wenn ich erstmal nicht mehr im Camp bin und mein Asylantrag genehmigt ist“)

Meine Zeit ist beendet, mein temporärer Arbeitsplatz war laut, die Arbeitshaltung unergonomisch, die Material- und Instrumentenauswahl ungewohnt, die Schwere der Erkrankungen gehäufter, als ich es aus meiner Praxis kenne.  Die Menschen aber sind wie wir, Cysman, Ayla, Navid, Baran, Farzad, Ali, Dalmar, Hadiya, jung oder alt, zunächst ängstlich, dann vertrauensvoll und schließlich dankbar, und ich habe das getan, was ich auch zu Hause mache, nämlich meinen Beruf, der der schönste ist, den ich mir vorstellen kann, ausgeübt. Jetzt schon vermisse ich Rebecca, Hasan, Elyas und Yasmin, aber wahrscheinlich werden sie, sollte ich wiederkommen, nicht mehr da sein, und das wünsche ich Ihnen von Herzen.

März 2021 – Dr.  Gretel Evers-Lang

Der Bericht ist hier gekürzt wiedergegeben.
Lesen Sie den gesamten Bericht  und erfahren Sie mehr über den Arbeitseinsatz für die C.M.A. – crisis management association – und deren engagiertes Team, über  die Menschen, die dort leben müssen, über die Umstände im Camp, über Hoffnungen… :
PDF: gesamter Reise- und Arbeitsbericht-Lesbos

Ich danke der Firma Henry Schein und der Firma GC für die großzügige und unbürokratische  Bereitstellung hochwertiger Arbeitsmaterialien sowie der Firma Golf Toys für die Zusendung von Zugabeartikeln für Kinder.